Homo Forumensis Negativus – In defectu veritas
Es gibt Menschen, die morgens aufstehen und sich freuen, dass die Sonne scheint.
Und dann gibt es
ihn.
Den Forenschreiber.
Den Suchenden.
Den Mann, der selbst bei blauem Himmel erst einmal prüft, ob das Blau nicht möglicherweise einen Produktionsfehler aufweist.
Homo Forumensis Negativus.
Unterart:
Querulantus Permanentus.
Gattung:
Defectus Suchensis Maximus.
Lebensraum: Internetforum.
Natürliche Feinde: Zufriedenheit, Gelassenheit und Menschen, die einfach sagen:
„Bei mir funktioniert’s.“
Sein wissenschaftliches Motto lautet:
„Omnia mala sunt, sed nondum inventa.“
Alles ist schlecht. Man hat es nur noch nicht gefunden.
Denn dieser Mensch glaubt nicht an fehlerfreie Produkte.
Er glaubt auch nicht an Zufall.
Und an Zufriedenheit schon gar nicht.
Zufriedenheit ist für ihn lediglich die bedauerliche Folge mangelnder Recherche.
Wo ein normaler Mensch sagt:
„Mein Auto läuft seit drei Jahren problemlos.“
antwortet er:
„Interessant.“
Und dieses
„Interessant“ klingt nicht nach Interesse.
Es klingt wie der Pathologe, der gerade etwas Ungewöhnliches in deiner Leber entdeckt hat.
„Interessant …“
Pause.
„Wie viele Kilometer?“
„45.000.“
„Aha.“
Da ist es wieder.
Aha.
Das lateinische
Aha mortalis.
Der Moment, in dem dein eigentlich völlig funktionierendes Fahrzeug plötzlich emotional bereits auf dem Schrottplatz steht.
Dann beginnt die Untersuchung.
Nicht fahren.
Nicht genießen.
Untersuchen.
Taschenlampe raus.
Lesebrille auf.
Handyzoom auf 12-fach.
Und hinein in die heilige Liturgie des Mangels.
In nomine Spaltmaß, Lacknase et Kunststoffknarzen. Amen.
Die Tür wird nicht einfach geschlossen.
Nein.
Sie wird analysiert.
„Hört ihr das?“
Nein.
„Da.“
Nein.
„Dieses ganz leichte … tack.“
Nein, Smarteyes.
Wir hören nichts.
„Doch. Wenn man genau hinhört.“
Wenn man
genau genug hinhört, hört man vermutlich auch die eigene Ehe zerbrechen.
Aber Smarteyes hört:
tack.
Und damit beginnt ein 87-seitiger Thread.
Titel:
„Qualitätsproblem bei Modell XY???“
Drei Fragezeichen.
Mindestens.
Denn ein Fragezeichen wäre eine Frage.
Drei Fragezeichen sind bereits ein Ermittlungsverfahren.
Im ersten Beitrag schreibt er:
„Ich möchte hier wirklich keine Panik verbreiten.“
Natürlich nicht.
Deshalb auch nur 14 Fotos, fünf rote Kreise, drei Pfeile und ein Video in Zeitlupe.
„Aber mir ist aufgefallen, dass bei meinem Fahrzeug die linke Türdichtung im Bereich zwischen 14 und 17 Zentimetern oberhalb der unteren Kante möglicherweise minimal anders aussieht als rechts.“
Possibilis Dichtungsabweichung Minor.
Gefahrenstufe Rom.
Das Forum hält den Atem an.
Rom brennt.
Nero spielt Geige.
Smarteyes misst Gummi.
Ein anderer Nutzer schreibt:
„Sieht bei mir genauso aus.“
Smarteyes:
„Dann betrifft es offenbar mehrere.“
Natürlich.
Schon haben wir keinen Einzelfall mehr.
Wir haben eine
Serie.
Noch drei Beiträge und die Tagesschau muss eine Sondersendung machen.
Dann meldet sich jemand:
„Also bei mir sieht alles normal aus.“
Fehler.
Großer Fehler.
Denn jetzt kommt Smarteyes’ stärkste rhetorische Waffe:
„Noch.“
„Bei mir klappert nichts.“
„Noch.“
„Mein Akku ist super.“
„Noch.“
„Ich habe keinerlei Probleme.“
„Noch.“
„Mein Arzt sagt, ich bin gesund.“
„Noch.“
Dieser Mann könnte auf einer Taufe stehen, das Baby anschauen und sagen:
„Ja, süß. Aber warten wir mal die Langzeiterfahrung ab.“
Memento mori.
Alles ist vergänglich.
Vor allem Garantieansprüche.
Der Negativus Maximus besitzt außerdem eine außergewöhnliche Begabung:
Er kann gute Nachrichten rückwärts lesen.
Hersteller:
„Neue Software verbessert Reichweite um fünf Prozent.“
Negativus:
„Dann war sie vorher also fünf Prozent schlechter.“
Hersteller:
„Wir bieten ab sofort zehn Jahre Garantie.“
Negativus:
„Warum braucht man zehn Jahre Garantie, wenn das Produkt angeblich so gut ist?“
Hersteller:
„Kostenloses Upgrade für Bestandskunden.“
Negativus:
„Dann muss vorher ja etwas falsch gewesen sein.“
Hersteller:
„Wir haben ein Problem behoben.“
Negativus:
„Aha! Also gab es ein Problem!“
Hersteller:
„Es gab kein Problem.“
Negativus:
„Typisch. Vertuschung.“
Checkmate.
Gegen diese Logik kommt man nicht an.
Sie ist wasserdicht.
Oder zumindest wird Smarteyes morgen prüfen, ob sie wirklich wasserdicht ist.
Seine höchste Kunst ist allerdings die
präventive Unzufriedenheit.
Dabei beschwert man sich bereits über Dinge, die noch gar nicht passiert sind.
„Das wird bestimmt irgendwann Probleme machen.“
Wann?
„Irgendwann.“
Was genau?
„Wird man sehen.“
Belege?
„Erfahrung.“
Welche Erfahrung?
„Meine.“
Was ist passiert?
„Noch nichts.“
Perfekt.
Defectus Futurus.
Der Fehler der Zukunft.
Schrödingers Mangel.
Er existiert und existiert gleichzeitig nicht, bis jemand im Forum einen Thread eröffnet.
Besonders schön wird es, wenn Smarteyes auf einen glücklichen Besitzer trifft.
Der schreibt:
„Ich liebe das Auto. 80.000 Kilometer, null Probleme.“
Smarteyes antwortet:
„Freut mich für dich.“
Lüge.
Es freut ihn überhaupt nicht.
Innerlich ist sofort Krisensitzung.
80.000 Kilometer?
Null Probleme?
Unmöglich.
Da muss etwas übersehen worden sein.
Also beginnt die Befragung.
„Welche Bauwoche?“
„Welches Werk?“
„Welche Softwareversion?“
„Welche Felgengröße?“
„Welche Außentemperatur?“
„Überwiegend Kurz- oder Langstrecke?“
„Lädst du AC oder DC?“
„Mit welcher Hand schließt du die Fahrertür?“
Spätestens hier merkt man:
Das ist kein Forum mehr.
Das ist
Nürnberger Prozess gegen ein Auto.
Und das Auto hat keinen Anwalt.
Natürlich findet Smarteyes irgendwann etwas.
Man findet immer etwas.
Ein Pixel.
Ein Geräusch.
Eine Verzögerung.
Ein Schatten.
Eine Kante.
Ein Geruch.
Vielleicht sitzt sogar irgendwo eine Schraube und sieht verdächtig zufrieden aus.
Und dann ist er da.
Der Moment der Erlösung.
Smarteyes zoomt hinein.
Sein Puls steigt.
Die Pupillen weiten sich.
Engel singen.
Ein römischer Legionär bläst irgendwo in ein Horn.
Und Smarteyes schreibt:
„Hab ich mir doch gedacht.“
Eureka Defectum!
Gefunden.
Eine Kunststoffkante weist unter direkter Beleuchtung bei einem Betrachtungswinkel von exakt 37 Grad eine minimale optische Unregelmäßigkeit auf.
Endlich.
Das Leben hat wieder Sinn.
Die Frau kann aufatmen.
Die Kinder bekommen ihren Vater zurück.
Zumindest bis morgen.
Denn dann entdeckt jemand, dass Version 4.7.2 veröffentlicht wurde.
Und Smarteyes fragt:
„Hat jemand schon Probleme damit?“
Das Update ist seit sieben Minuten online.
Noch hat es kaum jemand heruntergeladen.
Egal.
Smarteyes wartet.
Geduldig.
Wie ein Geier über der Autobahn.
Vultur Interneticus.
Irgendjemand wird etwas melden.
Bluetooth.
Navigation.
Verbrauch.
Knarzen.
Display.
Irgendetwas.
Und wenn nach drei Tagen immer noch niemand einen Fehler gefunden hat?
Dann eröffnet Smarteyes selbst einen Thread:
„Merkwürdig wenig Rückmeldungen zum neuen Update.“
Untertitel:
„Traut sich keiner?“
Denn völlige Fehlerfreiheit ist für ihn keine gute Nachricht.
Sie ist
höchst verdächtig.
Vielleicht werden negative Beiträge gelöscht.
Vielleicht schweigen die Betroffenen.
Vielleicht steckt der Hersteller dahinter.
Vielleicht steckt sogar das Forum dahinter.
Vielleicht steckt die Regierung dahinter.
Und spätestens Seite 19 erfahren wir, dass Smarteyes seit 1998 sowieso keinem Softwareupdate mehr traut.
Conspiratio Defectus Maximus.
Doch man muss auch fair sein:
Menschen wie Smarteyes erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.
Ohne sie würden wir Produkte einfach benutzen.
Wir würden morgens in unser Auto steigen.
Losfahren.
Musik hören.
Vielleicht sogar Spaß haben.
Unverantwortlich.
Ohne Homo Forumensis Negativus wüssten wir gar nicht, dass unser Armaturenbrett bei minus sieben Grad möglicherweise ein Geräusch macht, das bei plus acht Grad nicht existiert.
Wir würden niemals erfahren, dass irgendein Nutzer in Buxtehude im November 2023 einmal kurz einen schwarzen Bildschirm hatte.
Wir würden friedlich schlafen.
Und Frieden ist bekanntlich der natürliche Feind jedes guten Forums.
Darum wacht Smarteyes.
Semper vigilans. Semper querulans. Semper online.
Wenn wir schlafen, recherchiert er.
Wenn wir fahren, misst er.
Wenn wir genießen, zweifelt er.
Wenn wir lachen, öffnet er einen neuen Thread.
Er ist der Wächter des Mangels.
Der Apostel des Defekts.
Der Hohepriester des Spaltmaßes.
Pontifex Maximus Meckerensis.
Und irgendwann, eines fernen Tages, wird Smarteyes sterben.
Man wird ihn in einen wunderschönen Sarg legen.
Massivholz.
Handarbeit.
Perfekte Verarbeitung.
Die Familie wird schweigend danebenstehen.
Der Bestatter wird sagen:
„Ein wirklich hochwertiges Modell.“
Und aus dem Sarg hört man ganz leise:
„Die linke Ecke schließt nicht bündig.“
Requiescat in pace?
Nein.
Requiescat in Reklamatione.
Denn manche Menschen finden selbst im Jenseits noch etwas zu beanstanden.
Und sollte der Himmel tatsächlich perfekt sein, wird Smarteyes spätestens am zweiten Tag einen Beitrag eröffnen:
„Hat sonst noch jemand Probleme mit der Ewigkeit?“
Erster Kommentar:
„Bei mir läuft alles problemlos.“
Smarteyes:
„Noch.“