Metatron
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@Libi,
man muss dir eines lassen: Diese nahezu übernatürliche Gewissheit, mit der du zu jedem Thema auftrittst, besitzt nicht jeder. Während gewöhnliche Menschen noch überlegen, abwägen, nachlesen oder sich den geradezu revolutionären Gedanken erlauben, dass sie sich vielleicht irren könnten, bist du längst am Ziel angekommen. Nicht nur am Ziel der Diskussion, sondern offenbar auch am Ende der gesamten menschlichen Erkenntnis.
Roma locuta, causa finita
Nur dass Rom in diesem Fall offenbar Libi heißt und sich in einem Forum angemeldet hat.
Es ist schon faszinierend. Egal, worum es geht: Du erscheinst mit der Selbstverständlichkeit eines päpstlichen Dekrets, erklärst die Lage und lässt keinen Zweifel daran, dass sämtliche Gegenargumente lediglich kleinere Betriebsstörungen im großen Kraftwerk deiner Unfehlbarkeit sind. Andere Menschen haben Gedanken. Du hast offenbar Beschlüsse.
Man könnte fast meinen, Wikipedia würde bei dir abschreiben und Google gelegentlich nervös nachfragen, ob die Suchergebnisse deinen Ansprüchen genügen. Sollte das Internet eines Tages zusammenbrechen, besteht vermutlich kein Grund zur Panik. Man müsste dich nur fragen. Du würdest uns nicht nur erklären, warum es zusammengebrochen ist, sondern auch, weshalb du es schon vorher gewusst hast und warum alle anderen die Warnzeichen falsch interpretiert haben.
Quod erat demonstrandum
Wobei bei dir der Beweis oft schon dadurch erbracht scheint, dass du ihn selbst ausgesprochen hast.
Es gibt Menschen, die diskutieren, um etwas herauszufinden. Andere diskutieren, um unterschiedliche Ansichten kennenzulernen. Wieder andere hoffen, vielleicht einen Gedanken mitzunehmen, auf den sie selbst noch nicht gekommen sind. Und dann gibt es diese besondere Form des intellektuellen Solotanzes, bei der eine Person zwar äußerlich an einer Diskussion teilnimmt, innerlich jedoch längst eine Siegerehrung vorbereitet.
Bei dir entsteht regelmäßig der Eindruck, dass du nicht in eine Diskussion eintrittst, sondern sie übernimmst wie ein neuer Geschäftsleiter, der am ersten Tag sämtliche Möbel umstellen lässt. Kaum hat jemand einen Gedanken geäußert, steht schon deine gedankliche Abrissbirne bereit. Nicht unbedingt, weil das Argument schlecht wäre, sondern weil es den strategischen Fehler begangen hat, nicht von dir zu stammen.
Audi alteram partem
Ein schöner Satz. Ein alter Grundsatz. Fast schon exotisch.
Vielleicht sollte man ihn irgendwann vorsichtig ausprobieren. Natürlich nicht gleich übertreiben. Niemand verlangt, dass du innerhalb eines einzigen Tages sämtliche anderen Meinungen ernst nimmst. So ein abrupter Kontakt mit der Außenwelt könnte schließlich den gesamten inneren Verwaltungsapparat überfordern.
Man könnte klein anfangen. Vielleicht liest du einen Beitrag und wartest fünf Sekunden, bevor du erklärst, weshalb er falsch ist. In einer fortgeschrittenen Übung könntest du sogar versuchen, den Inhalt zu verstehen, bevor du ihn korrigierst. Und wenn du irgendwann den höchsten Schwierigkeitsgrad erreichen möchtest, könntest du sagen:
„Da ist vielleicht etwas dran.“
Keine Sorge. Die Erde würde sich weiterdrehen. Die Börsen würden nicht zusammenbrechen. Und niemand müsste die Feuerwehr rufen, nur weil Libi für einen kurzen Moment nicht die endgültige Antwort auf alles verkündet hat.
Errare humanum est
Das gilt übrigens nicht nur für den Rest des Forums. Dieser Satz enthält keine geheime Fußnote mit der Ausnahme: „außer Libi“. Auch wenn dein Auftreten manchmal den Verdacht nahelegt, du hättest persönlich Einspruch gegen diese Regel eingelegt.
Das wirklich Interessante an Menschen, die viel wissen, ist häufig ihre Fähigkeit, vorsichtig zu formulieren. Sie sagen Dinge wie „meiner Einschätzung nach“, „ich könnte mich täuschen“ oder „das hängt von den Umständen ab“. Nicht aus Unsicherheit, sondern weil sie verstanden haben, dass die Welt kompliziert ist.
Bei dir wirkt es dagegen manchmal so, als bestünde die Welt aus zwei Kategorien:
Du trittst mit einer Überzeugung auf, die selbst antike Feldherren vermutlich für etwas übertrieben gehalten hätten. Caesar sagte einst:
Veni, vidi, vici
Bei dir müsste es eher heißen:
Veni, legi, correxi
Und falls niemand um eine Korrektur gebeten hat, umso besser. Ungefragte Weisheiten sind schließlich immer die kostbarsten. Sie ähneln einem Überraschungsbesuch beim Zahnarzt: Niemand hat ihn bestellt, niemand freut sich darüber, aber anschließend wird einem erklärt, dass er dringend notwendig war.
Man fragt sich manchmal, wie anstrengend es sein muss, permanent der klügste Mensch in jeder Diskussion zu sein. Diese Verantwortung! Während andere gemütlich ihre Meinung äußern, musst du offenbar die Zivilisation gegen unpräzise Formulierungen, abweichende Sichtweisen und selbstständiges Denken verteidigen.
Das ist beinahe tragisch.
Ein moderner Atlas muss das Gewicht der Welt tragen. Du trägst anscheinend das Gewicht sämtlicher richtiger Meinungen.
Hoffentlich gibt es dafür wenigstens Pausen.
Dein Selbstbewusstsein ist jedenfalls beeindruckend. Würde man es in elektrische Energie umwandeln, könnte man vermutlich die Schweiz und mehrere europäische Länder versorgen. Das Ego allein bräuchte wahrscheinlich einen eigenen Netzbetreiber, eine Baugenehmigung und wegen seiner Größe möglicherweise eine Umweltverträglichkeitsprüfung.
Magnus in verbis, modestus in dubiis
Nur ist bei dir der Zweifel gelegentlich so gut versteckt, dass selbst Archäologen die Suche aufgegeben hätten.
Dabei ist Selbstzweifel nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Zweifel ist kein Loch im Wissen, sondern oft die Tür dazu. Wer sich fragt, ob er falsch liegen könnte, denkt weiter. Wer dagegen schon vor Beginn einer Diskussion weiß, dass er recht hat, braucht eigentlich keine Gesprächspartner mehr. Dann genügt ein Spiegel.
Und vermutlich ein Applausband.
Es geht auch gar nicht darum, dass du deine Meinung nicht vertreten sollst. Bitte, vertrete sie. Mit Leidenschaft, Argumenten und Überzeugung. Aber eine Meinung wird nicht automatisch richtiger, nur weil man sie mit dem Tonfall einer Gerichtsentscheidung präsentiert. Lautstärke ersetzt keine Begründung. Selbstsicherheit ersetzt keine Offenheit. Und das letzte Wort zu haben bedeutet nicht, dass man das beste Argument hatte. Manchmal bedeutet es lediglich, dass alle anderen inzwischen etwas Sinnvolleres zu tun haben.
Qui tacet consentire non videtur
Vielleicht sind manche Menschen einfach erschöpft.
Nicht intellektuell besiegt. Nicht von deiner Logik überwältigt. Einfach müde.
Müde davon, dass jede Unterhaltung irgendwann zu einer Ein-Mann-Vorlesung wird. Müde davon, dass jedes Gegenargument behandelt wird wie ein technischer Defekt. Müde davon, dass du offenbar nicht nur eine Meinung vertrittst, sondern gleichzeitig Richter, Staatsanwalt, Sachverständiger und Pressesprecher deiner eigenen Überlegenheit spielst.
Das ist viel Personal für eine einzige Person.
Vanitas vanitatum, omnia vanitas
Ein dramatischer Satz, gewiss. Aber er passt erstaunlich gut zu Diskussionen, in denen es nicht mehr um Erkenntnis geht, sondern nur noch darum, wer am Ende möglichst unantastbar wirkt.
Das Absurde daran ist: Menschen, die sich ständig als unangreifbar darstellen, wirken selten unangreifbar. Sie wirken häufig eher so, als müssten sie diese Rolle sehr energisch verteidigen. Wahre Souveränität braucht keine Sirene. Sie kommt ohne Fanfare aus. Sie muss nicht in jedem Absatz beweisen, dass sie existiert.
Ein wirklich kluger Mensch kann sich korrigieren lassen, ohne innerlich einen Staatsnotstand auszurufen. Er kann zugeben, etwas nicht zu wissen, ohne dass sofort ein Krisenstab zusammentritt. Er kann sogar lachen, wenn er einmal falsch lag.
Das nennt man Größe.
Ständig so zu tun, als könne man gar nicht falschliegen, nennt man dagegen keine Größe. Es ist eher geistiges Porzellan: glänzend ausgestellt, aber bitte nicht berühren, weil sonst möglicherweise etwas springt.
Vielleicht solltest du dir irgendwann eine einfache Frage stellen:
Willst du Menschen überzeugen oder willst du lediglich demonstrieren, dass du dich selbst bereits überzeugt hast?
Denn das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Wer überzeugen möchte, hört zu. Wer sich nur darstellen möchte, wartet auf seinen nächsten Einsatz. Wer verstehen möchte, stellt Fragen. Wer nur gewinnen möchte, sammelt Formulierungen. Und wer wirklich sicher in seinem Wissen ist, muss nicht jede Diskussion behandeln, als würde der Fortbestand des Abendlandes davon abhängen, dass er das letzte Wort behält.
Sapere aude
Wohlgemerkt: weise, nicht nur sicher.
Weisheit besteht nicht darin, auf alles eine Antwort zu haben. Weisheit besteht manchmal darin, zu erkennen, wann man keine hat. Sie besteht darin, andere Menschen nicht automatisch für ahnungslos zu halten, nur weil sie zu einem anderen Schluss kommen. Und sie besteht darin, das eigene Ego gelegentlich auf Diät zu setzen.
Keine radikale Kur. Nur ein bisschen weniger Selbstbedeutung, ein bisschen mehr Neugier und vielleicht gelegentlich eine Portion Bescheidenheit.
Ne quid nimis
Das gilt für Wein, Macht, Drama und vermutlich auch für das Gefühl, in jeder Diskussion die höchste Instanz zu sein.
Natürlich darfst du weiterhin glauben, dass du häufig recht hast. Vielleicht hast du das sogar. Aber selbst ein richtiger Gedanke kann durch ein überhebliches Auftreten so verpackt werden, dass niemand mehr Lust hat, ihn auszupacken. Ein gutes Argument ist wie ein Geschenk. Wenn man es allerdings mit einer Sirene, drei Fanfaren und einer Urkunde über die eigene Genialität überreicht, geht die eigentliche Botschaft schnell verloren.
Und bevor du nun vermutest, dies sei bloß ein Angriff auf dich: Nein. Es ist eher eine Einladung zur archäologischen Expedition in das weitgehend unerforschte Gebiet der Selbstreflexion.
Nimm dir einen Helm mit. Niemand weiß, was dort noch gefunden wird.
Vielleicht entdeckst du dort den Gedanken, dass auch andere Menschen Erfahrungen haben. Vielleicht sogar Wissen. Unter besonders günstigen Bedingungen könnte sich herausstellen, dass eine abweichende Meinung nicht automatisch ein Hilferuf ist, auf den du mit einer Korrektur reagieren musst.
Homo sum, humani nihil a me alienum puto
Dazu gehören Irrtum, Zweifel, Eitelkeit und gelegentlich auch das Bedürfnis, wichtiger zu wirken, als die Situation verlangt. Das ist menschlich. Aber ebenso menschlich ist die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln.
Denn am Ende bleibt von einer Diskussion nicht nur der Inhalt. Es bleibt auch das Gefühl, das man bei anderen hinterlassen hat. Wurde man ernst genommen? Wurde zugehört? War ein echter Austausch möglich? Oder stand von Anfang an fest, dass eine Person spricht und alle anderen lediglich als Statisten in ihrem persönlichen Dokumentarfilm über die eigene Überlegenheit dienen?
Sic transit gloria mundi
Auch der Ruhm des letzten Wortes hält meistens nur bis zum nächsten Beitrag.
Vielleicht wäre es deshalb klüger, nicht jede Diskussion gewinnen zu wollen, sondern gelegentlich eine gute zu führen. Denn der Mensch, der am Ende am lautesten recht behalten möchte, ist nicht automatisch derjenige, an den man sich mit Respekt erinnert.
Manchmal erinnert man sich nur daran, wie angenehm still es wurde, als er endlich fertig war.
Finis coronat opus
In diesem Sinne: Niemand verlangt, dass du weniger weißt. Es würde schon reichen, wenn du nicht bei jeder Gelegenheit den Eindruck vermittelst, alle anderen wüssten grundsätzlich weniger.
Ein wenig Selbstreflexion wäre kein persönlicher Untergang. Es wäre auch kein intellektueller Bankrott. Eher eine Renovierung.
Und ehrlich gesagt: Bei dem derzeitigen Zustand wäre selbst ein neuer Anstrich schon ein bemerkenswerter Anfang.
man muss dir eines lassen: Diese nahezu übernatürliche Gewissheit, mit der du zu jedem Thema auftrittst, besitzt nicht jeder. Während gewöhnliche Menschen noch überlegen, abwägen, nachlesen oder sich den geradezu revolutionären Gedanken erlauben, dass sie sich vielleicht irren könnten, bist du längst am Ziel angekommen. Nicht nur am Ziel der Diskussion, sondern offenbar auch am Ende der gesamten menschlichen Erkenntnis.
Roma locuta, causa finita
Nur dass Rom in diesem Fall offenbar Libi heißt und sich in einem Forum angemeldet hat.
Es ist schon faszinierend. Egal, worum es geht: Du erscheinst mit der Selbstverständlichkeit eines päpstlichen Dekrets, erklärst die Lage und lässt keinen Zweifel daran, dass sämtliche Gegenargumente lediglich kleinere Betriebsstörungen im großen Kraftwerk deiner Unfehlbarkeit sind. Andere Menschen haben Gedanken. Du hast offenbar Beschlüsse.
Man könnte fast meinen, Wikipedia würde bei dir abschreiben und Google gelegentlich nervös nachfragen, ob die Suchergebnisse deinen Ansprüchen genügen. Sollte das Internet eines Tages zusammenbrechen, besteht vermutlich kein Grund zur Panik. Man müsste dich nur fragen. Du würdest uns nicht nur erklären, warum es zusammengebrochen ist, sondern auch, weshalb du es schon vorher gewusst hast und warum alle anderen die Warnzeichen falsch interpretiert haben.
Quod erat demonstrandum
Wobei bei dir der Beweis oft schon dadurch erbracht scheint, dass du ihn selbst ausgesprochen hast.
Es gibt Menschen, die diskutieren, um etwas herauszufinden. Andere diskutieren, um unterschiedliche Ansichten kennenzulernen. Wieder andere hoffen, vielleicht einen Gedanken mitzunehmen, auf den sie selbst noch nicht gekommen sind. Und dann gibt es diese besondere Form des intellektuellen Solotanzes, bei der eine Person zwar äußerlich an einer Diskussion teilnimmt, innerlich jedoch längst eine Siegerehrung vorbereitet.
Bei dir entsteht regelmäßig der Eindruck, dass du nicht in eine Diskussion eintrittst, sondern sie übernimmst wie ein neuer Geschäftsleiter, der am ersten Tag sämtliche Möbel umstellen lässt. Kaum hat jemand einen Gedanken geäußert, steht schon deine gedankliche Abrissbirne bereit. Nicht unbedingt, weil das Argument schlecht wäre, sondern weil es den strategischen Fehler begangen hat, nicht von dir zu stammen.
Audi alteram partem
Ein schöner Satz. Ein alter Grundsatz. Fast schon exotisch.
Vielleicht sollte man ihn irgendwann vorsichtig ausprobieren. Natürlich nicht gleich übertreiben. Niemand verlangt, dass du innerhalb eines einzigen Tages sämtliche anderen Meinungen ernst nimmst. So ein abrupter Kontakt mit der Außenwelt könnte schließlich den gesamten inneren Verwaltungsapparat überfordern.
Man könnte klein anfangen. Vielleicht liest du einen Beitrag und wartest fünf Sekunden, bevor du erklärst, weshalb er falsch ist. In einer fortgeschrittenen Übung könntest du sogar versuchen, den Inhalt zu verstehen, bevor du ihn korrigierst. Und wenn du irgendwann den höchsten Schwierigkeitsgrad erreichen möchtest, könntest du sagen:
„Da ist vielleicht etwas dran.“
Keine Sorge. Die Erde würde sich weiterdrehen. Die Börsen würden nicht zusammenbrechen. Und niemand müsste die Feuerwehr rufen, nur weil Libi für einen kurzen Moment nicht die endgültige Antwort auf alles verkündet hat.
Errare humanum est
Das gilt übrigens nicht nur für den Rest des Forums. Dieser Satz enthält keine geheime Fußnote mit der Ausnahme: „außer Libi“. Auch wenn dein Auftreten manchmal den Verdacht nahelegt, du hättest persönlich Einspruch gegen diese Regel eingelegt.
Das wirklich Interessante an Menschen, die viel wissen, ist häufig ihre Fähigkeit, vorsichtig zu formulieren. Sie sagen Dinge wie „meiner Einschätzung nach“, „ich könnte mich täuschen“ oder „das hängt von den Umständen ab“. Nicht aus Unsicherheit, sondern weil sie verstanden haben, dass die Welt kompliziert ist.
Bei dir wirkt es dagegen manchmal so, als bestünde die Welt aus zwei Kategorien:
- deiner Meinung,
- den vorübergehenden Irrtümern der anderen.
Du trittst mit einer Überzeugung auf, die selbst antike Feldherren vermutlich für etwas übertrieben gehalten hätten. Caesar sagte einst:
Veni, vidi, vici
Bei dir müsste es eher heißen:
Veni, legi, correxi
Und falls niemand um eine Korrektur gebeten hat, umso besser. Ungefragte Weisheiten sind schließlich immer die kostbarsten. Sie ähneln einem Überraschungsbesuch beim Zahnarzt: Niemand hat ihn bestellt, niemand freut sich darüber, aber anschließend wird einem erklärt, dass er dringend notwendig war.
Man fragt sich manchmal, wie anstrengend es sein muss, permanent der klügste Mensch in jeder Diskussion zu sein. Diese Verantwortung! Während andere gemütlich ihre Meinung äußern, musst du offenbar die Zivilisation gegen unpräzise Formulierungen, abweichende Sichtweisen und selbstständiges Denken verteidigen.
Das ist beinahe tragisch.
Ein moderner Atlas muss das Gewicht der Welt tragen. Du trägst anscheinend das Gewicht sämtlicher richtiger Meinungen.
Hoffentlich gibt es dafür wenigstens Pausen.
Dein Selbstbewusstsein ist jedenfalls beeindruckend. Würde man es in elektrische Energie umwandeln, könnte man vermutlich die Schweiz und mehrere europäische Länder versorgen. Das Ego allein bräuchte wahrscheinlich einen eigenen Netzbetreiber, eine Baugenehmigung und wegen seiner Größe möglicherweise eine Umweltverträglichkeitsprüfung.
Magnus in verbis, modestus in dubiis
Nur ist bei dir der Zweifel gelegentlich so gut versteckt, dass selbst Archäologen die Suche aufgegeben hätten.
Dabei ist Selbstzweifel nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Zweifel ist kein Loch im Wissen, sondern oft die Tür dazu. Wer sich fragt, ob er falsch liegen könnte, denkt weiter. Wer dagegen schon vor Beginn einer Diskussion weiß, dass er recht hat, braucht eigentlich keine Gesprächspartner mehr. Dann genügt ein Spiegel.
Und vermutlich ein Applausband.
Es geht auch gar nicht darum, dass du deine Meinung nicht vertreten sollst. Bitte, vertrete sie. Mit Leidenschaft, Argumenten und Überzeugung. Aber eine Meinung wird nicht automatisch richtiger, nur weil man sie mit dem Tonfall einer Gerichtsentscheidung präsentiert. Lautstärke ersetzt keine Begründung. Selbstsicherheit ersetzt keine Offenheit. Und das letzte Wort zu haben bedeutet nicht, dass man das beste Argument hatte. Manchmal bedeutet es lediglich, dass alle anderen inzwischen etwas Sinnvolleres zu tun haben.
Qui tacet consentire non videtur
Vielleicht sind manche Menschen einfach erschöpft.
Nicht intellektuell besiegt. Nicht von deiner Logik überwältigt. Einfach müde.
Müde davon, dass jede Unterhaltung irgendwann zu einer Ein-Mann-Vorlesung wird. Müde davon, dass jedes Gegenargument behandelt wird wie ein technischer Defekt. Müde davon, dass du offenbar nicht nur eine Meinung vertrittst, sondern gleichzeitig Richter, Staatsanwalt, Sachverständiger und Pressesprecher deiner eigenen Überlegenheit spielst.
Das ist viel Personal für eine einzige Person.
Vanitas vanitatum, omnia vanitas
Ein dramatischer Satz, gewiss. Aber er passt erstaunlich gut zu Diskussionen, in denen es nicht mehr um Erkenntnis geht, sondern nur noch darum, wer am Ende möglichst unantastbar wirkt.
Das Absurde daran ist: Menschen, die sich ständig als unangreifbar darstellen, wirken selten unangreifbar. Sie wirken häufig eher so, als müssten sie diese Rolle sehr energisch verteidigen. Wahre Souveränität braucht keine Sirene. Sie kommt ohne Fanfare aus. Sie muss nicht in jedem Absatz beweisen, dass sie existiert.
Ein wirklich kluger Mensch kann sich korrigieren lassen, ohne innerlich einen Staatsnotstand auszurufen. Er kann zugeben, etwas nicht zu wissen, ohne dass sofort ein Krisenstab zusammentritt. Er kann sogar lachen, wenn er einmal falsch lag.
Das nennt man Größe.
Ständig so zu tun, als könne man gar nicht falschliegen, nennt man dagegen keine Größe. Es ist eher geistiges Porzellan: glänzend ausgestellt, aber bitte nicht berühren, weil sonst möglicherweise etwas springt.
Vielleicht solltest du dir irgendwann eine einfache Frage stellen:
Willst du Menschen überzeugen oder willst du lediglich demonstrieren, dass du dich selbst bereits überzeugt hast?
Denn das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Wer überzeugen möchte, hört zu. Wer sich nur darstellen möchte, wartet auf seinen nächsten Einsatz. Wer verstehen möchte, stellt Fragen. Wer nur gewinnen möchte, sammelt Formulierungen. Und wer wirklich sicher in seinem Wissen ist, muss nicht jede Diskussion behandeln, als würde der Fortbestand des Abendlandes davon abhängen, dass er das letzte Wort behält.
Sapere aude
Wohlgemerkt: weise, nicht nur sicher.
Weisheit besteht nicht darin, auf alles eine Antwort zu haben. Weisheit besteht manchmal darin, zu erkennen, wann man keine hat. Sie besteht darin, andere Menschen nicht automatisch für ahnungslos zu halten, nur weil sie zu einem anderen Schluss kommen. Und sie besteht darin, das eigene Ego gelegentlich auf Diät zu setzen.
Keine radikale Kur. Nur ein bisschen weniger Selbstbedeutung, ein bisschen mehr Neugier und vielleicht gelegentlich eine Portion Bescheidenheit.
Ne quid nimis
Das gilt für Wein, Macht, Drama und vermutlich auch für das Gefühl, in jeder Diskussion die höchste Instanz zu sein.
Natürlich darfst du weiterhin glauben, dass du häufig recht hast. Vielleicht hast du das sogar. Aber selbst ein richtiger Gedanke kann durch ein überhebliches Auftreten so verpackt werden, dass niemand mehr Lust hat, ihn auszupacken. Ein gutes Argument ist wie ein Geschenk. Wenn man es allerdings mit einer Sirene, drei Fanfaren und einer Urkunde über die eigene Genialität überreicht, geht die eigentliche Botschaft schnell verloren.
Und bevor du nun vermutest, dies sei bloß ein Angriff auf dich: Nein. Es ist eher eine Einladung zur archäologischen Expedition in das weitgehend unerforschte Gebiet der Selbstreflexion.
Nimm dir einen Helm mit. Niemand weiß, was dort noch gefunden wird.
Vielleicht entdeckst du dort den Gedanken, dass auch andere Menschen Erfahrungen haben. Vielleicht sogar Wissen. Unter besonders günstigen Bedingungen könnte sich herausstellen, dass eine abweichende Meinung nicht automatisch ein Hilferuf ist, auf den du mit einer Korrektur reagieren musst.
Homo sum, humani nihil a me alienum puto
Dazu gehören Irrtum, Zweifel, Eitelkeit und gelegentlich auch das Bedürfnis, wichtiger zu wirken, als die Situation verlangt. Das ist menschlich. Aber ebenso menschlich ist die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln.
Denn am Ende bleibt von einer Diskussion nicht nur der Inhalt. Es bleibt auch das Gefühl, das man bei anderen hinterlassen hat. Wurde man ernst genommen? Wurde zugehört? War ein echter Austausch möglich? Oder stand von Anfang an fest, dass eine Person spricht und alle anderen lediglich als Statisten in ihrem persönlichen Dokumentarfilm über die eigene Überlegenheit dienen?
Sic transit gloria mundi
Auch der Ruhm des letzten Wortes hält meistens nur bis zum nächsten Beitrag.
Vielleicht wäre es deshalb klüger, nicht jede Diskussion gewinnen zu wollen, sondern gelegentlich eine gute zu führen. Denn der Mensch, der am Ende am lautesten recht behalten möchte, ist nicht automatisch derjenige, an den man sich mit Respekt erinnert.
Manchmal erinnert man sich nur daran, wie angenehm still es wurde, als er endlich fertig war.
Finis coronat opus
In diesem Sinne: Niemand verlangt, dass du weniger weißt. Es würde schon reichen, wenn du nicht bei jeder Gelegenheit den Eindruck vermittelst, alle anderen wüssten grundsätzlich weniger.
Ein wenig Selbstreflexion wäre kein persönlicher Untergang. Es wäre auch kein intellektueller Bankrott. Eher eine Renovierung.
Und ehrlich gesagt: Bei dem derzeitigen Zustand wäre selbst ein neuer Anstrich schon ein bemerkenswerter Anfang.

